„Da musst du durch": 5 Sätze über Babys, die sich hartnäckig halten und was wirklich dran ist
- vor 3 Tagen
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Du sitzt beim Kaffee, dein Baby schläft endlich auf deinem Bauch, und jemand sagt: „Leg sie doch mal ab, sonst gewöhnst du ihr das an." Oder ihr sitzt beim Familienessen und deine Schwiegermutter erzählt zum dritten Mal, dass ihre Kinder mit vier Monaten durchgeschlafen haben.
Diese Sätze kommen selten von Menschen, die es tatsächlich böse meinen. Sie kommen von der Nachbarin, der Oma, manchmal aus der Kinderarztpraxis oder von deiner Hebamme. Und genau deshalb sitzen sie so tief: Weil du sie nicht einfach abtun kannst wie einen dummen Kommentar von einer fremden Person (wobei auch da wird's manchmal schwierig - hallo People Pleasing!).
Ich habe die fünf häufigsten mitgebracht, damit du weißt, was davon stimmt und was einfach seit Jahrzehnten weitergegeben wird, ohne dass jemand nachgeprüft hat.
1. „Da musst du durch."
Der Satz fällt, wenn du Schmerzen beim Stillen hast, bei durchwachten Nächten, irgendwie bei allem, was gerade schwer ist. Er klingt erstmal nach einer Lebensweisheit, nach etwas, das dein Gegenüber vielleicht sogar selbst durchlebt hat. Nur, am Ende ist er vor allem eins: bequem für die Person, die ihn sagt.
Bei Stillschmerzen ist er sogar gefährlich. Schmerzen beim Stillen sind kein normaler Teil des Stillens, den du aussitzen musst, sie sind ein Signal. Meistens stimmt etwas mit der Anlegetechnik nicht, manchmal steckt ein verkürztes Zungenband dahinter, manchmal eine Saugverwirrung. Wenn du versuchst, da durchzugehen, machst du aus einem lösbaren Problem oft ein chronisches. Und ziemlich viele Stillbeziehungen enden genau daran, obwohl sie nicht hätten enden müssen.
Auch bei allem anderen gilt: Dass etwas anstrengend ist, heißt nicht automatisch, dass es so sein muss. Du darfst IMMER hinschauen, statt auszuhalten.
2. „Lass sie ruhig mal schreien."
Dieser Satz wird oft ergänzt um „das kräftigt die Lungen" oder „davon geht sie nicht kaputt". Was dabei übersehen wird: Ein Baby, das schreit, ruft nach dir. Es hat schlicht keine andere Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen, es kann nicht sagen "Ey Mama, ich hab Hunger!" oder "Mama, ich will kuscheln!". Schreien ist bei einem Säugling kein Verhandeln und keine Erziehungsfrage, sondern seine einzige Sprache, es KANN sich nur so mitteilen.
Wenn niemand kommt, hört dein Baby irgendwann auf zu schreien. Das wird gern als Erfolg gedeutet als es hat sich „beruhigt". Tatsächlich hat es einfach nur aufgehört zu rufen - es hat resigniert, weil es ja weiß, dass niemand kommt. Das einzige, was dein Baby dann macht, ist seine Energie zu schonen. Vielleicht kennst du es selbst von dir: Wenn du wütend bist, schreist und weinst, dann ist das sau anstrengend. Deinem Baby geht's auch so. Am Ende bleibt aber die Anspannung im Körper.
Genau deshalb ist Schlaftraining nicht mein Weg. Dein Kind soll auf ganz natürliche Art und Weise lernen und erleben, dass Schlaf Sicherheit bedeutet und eine verlässliche Reaktion, also dass du da bist, wenn dein Baby nach dir ruft, baut genau diese Sicherheit auf, aus der Kinder später von allein alleine schlafen (und zwar GERNE!). Wenn du also nachts hingehst, verbaust du nichts. Im Gegenteil: Du legst das Fundament.
3. „Du verwöhnst dein Kind."
Das ist der Klassiker, sobald du dein Baby viel trägst, es an dir einschlafen lässt oder auf Weinen sofort reagierst. Der Satz setzt unter anderem voraus, dass dein Baby lernen könnte, seine Bedürfnisse absichtlich zu übertreiben, um dich zu manipulieren.
Für's Manipulieren bräuchte es Fähigkeiten, die es noch gar nicht hat: einen Plan fassen, ihn über die Zeit verfolgen, dein Verhalten vorhersehen. Diese Bereiche im Gehirn entwickeln sich über Jahre. Dein Baby meldet sich, wenn es etwas braucht. Mehr passiert da nicht.
Du kannst dein Baby mit Nähe (und damit einhergehend Sicherheit und vor allem auch Liebe...) außerdem nicht verwöhnen. Sie ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Schlafen und Kinder, deren Bedürfnisse verlässlich beantwortet werden, lösen sich später tatsächlich auch leichter - also nix da mit "Der schläft noch mit 18 bei euch im Bett".
4. „Das muss sie jetzt mal lernen."
Gemeint ist meistens: alleine einschlafen, alleine spielen, sich alleine beruhigen. Der Satz behandelt Entwicklung wie Training, als würde dein Kind etwas können, wenn du es nur oft genug übst.
So funktioniert das aber nicht. Dein Baby kann sich nicht selbst beruhigen, weil der Teil des Gehirns, der dafür zuständig ist, noch nicht ausgereift ist. Es lernt Beruhigung erst dadurch, dass es immer wieder von außen beruhigt wird. Das ist keine Meinung, das ist Hirnentwicklung, und zwar wissenschaftlich erwiesen. Und sie dauert Jahre, nicht Wochen (sorry to say).
Was dein Kind gerade nicht kann, kann es also nicht aus Unwille, sondern es ist noch nicht so weit. Und das darf so sein.
5. „Sei doch mal konsequent."
Diesen Satz hörst du fast immer dann, wenn du auf dein Kind eingehst statt auf einen Plan. Er unterstellt, dass Nachgeben Schwäche ist und Standhaftigkeit Stärke.
Dabei ist das Gegenteil anstrengender (ja, ist so...) UND auch wertvoller: auf ein Kind zu reagieren, das sich täglich verändert, statt eine Regel durchzuziehen, die letzte Woche vielleicht noch gepasst hat. Verlässlich zu sein bedeutet nicht, dass du immer dasselbe tust. Es bedeutet, dass dein Kind sich darauf verlassen kann, dass du da bist, dass du einen Rahmen bietest, Leitplanken, der Leuchtturm bist.
Warum diese Sätze überhaupt so wehtun
Wenn du bis hierher gelesen hast, kennst du vermutlich die meisten dieser Sätze. Und du weißt in den meisten Fällen sogar, dass sie nicht stimmen.
Trotzdem denkst du abends im Bett noch darüber nach.
Das liegt nicht daran, dass dir Wissen fehlt, sondern daran, dass diese Sätze nicht als Information bei dir ankommen, sondern als Bewertung und zwar von Menschen, deren Zuneigung du nicht verlieren willst.
Und es liegt an etwas, das die meisten Mamas nicht wissen: Keiner dieser fünf Sätze ist in der Regel eine echte Meinung. Sie sind alle über hundert Jahre alt, standen so in Erziehungsratgebern, die millionenfach verkauft wurden, und wurden über drei und mehr Generationen weitergereicht, bis sie an deinem Tisch (oder Bett) gelandet sind. Deine Schwiegermutter hat sie sich nicht ausgedacht, sondern sie gibt weiter, was ihr beigebracht wurde - ohne es zu reflektieren.
👉 Wo diese Sätze herkommen und warum sie sich so hartnäckig halten, habe ich hier aufgeschrieben. Der Artikel lohnt sich, denn wenn du erst mal weißt, aus welcher Zeit die Stimme in deinem Kopf stammt, klingt sie beim nächsten Mal ein bisschen leiser.
Wenn es bei euch gerade der Schlaf ist
Die meisten dieser Sätze fallen nachts. Oder morgens, wenn dich jemand fragt, wie ihr geschlafen habt. Und ganz ehrlich: Es ist leichter, sie stehen zu lassen, wenn du weißt, was in eurem Fall gerade wirklich passiert. Warum dein Baby nachts aufwacht, was in seinem Alter normal ist, warum ihr letzte Woche eine gute Phase hattet und diese Woche nicht.
Genau dafür habe ich Schlaf gut, Baby! erstellt, meinen Babyschlafkurs, der dir erklärt, wie Babyschlaf wirklich funktioniert. In kurzen Lektionen, die du beim Stillen anschauen kannst, ohne Schlaftraining und ohne Pläne, die an eurem Alltag vorbeigehen. Danach musst du nachts nicht mehr googeln, weil du selbst einordnen kannst, was gerade los ist.
Von Herzen



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