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Die Stimme in deinem Kopf ist älter als deine Oma: Woher „lass sie ruhig mal schreien" & Co. wirklich kommen

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Bild: KI-generiert
Bild: KI-generiert

Es ist halb drei nachts, dein Baby weint. Du bist schon halb aus dem Bett, greifst nach deinem Baby und in genau diesem Moment kommt der Gedanke: „Vielleicht sollte ich noch kurz warten."


Du nimmst es trotzdem hoch. Aber der Gedanke war da. Und du fragst dich hinterher, warum du überhaupt gezögert hast, obwohl du doch eigentlich weißt, dass Weinen ein Ruf ist und keine Frage der Erziehung.


Ich sage dir, woher dieser Gedanke kommt: Er ist nicht deiner. Er ist über hundert Jahre alt und wurde immer weiter getragen. Der Unterschied: Du reflektierst und änderst.


Wie Erziehung zur Trainingsfrage wurde

Ende des 19. Jahrhunderts fing man an, Kindererziehung zu standardisieren. Es war die Zeit der Industrialisierung. Menschen mussten funktionieren, Fabriken hatten einen Takt, und Erziehung passte sich dieser Logik an. Ein Kind sollte pünktlich sein, diszipliniert, wenig fordernd. Also brachte man ihm das möglichst früh bei.


Der amerikanische Kinderarzt Emmett Holt veröffentlichte 1894 einen Ratgeber, der zum Standardwerk wurde. Darin stand ganz genau beschrieben: Fütterung nach der Uhr, feste Zeiten, keine Rücksicht auf Hunger dazwischen und die absurde Idee, dass Weinen für ein Baby eine Art Übung sei, gut für die Lunge. Der Satz, den du heute noch am hörst, steht dort tatsächlich schwarz auf weiß.


Etwa dreißig Jahre später ging der Psychologe John B. Watson noch weiter. Er riet Eltern, ihre Kinder nicht zu küssen, sie nicht auf den Schoß zu nehmen und ihnen morgens die Hand zu geben. Zärtlichkeit galt als Gefahr für die spätere Selbstständigkeit.


Und in Deutschland erschien, vermutöich mitunter darauf basierend, 1934 das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer. Sie empfahl, das Baby nach der Geburt erst mal von der Mutter getrennt zu lassen, auf Schreien nicht zu reagieren und emotionale Zurückhaltung zu üben. Es wurde millionenfach verkauft und sogar bis in die 1980er Jahre neu aufgelegt. Es stand (und steht leider immernoch) also in vielen Haushalten, in denen unsere Eltern und Großeltern groß geworden sind.


Für all das gibt es einen Begriff: Schwarze Pädagogik (Katharina Rutschky, 1977), also die Erziehung, die den Willen des Kindes bricht, damit es sich anpasst und die das als Fürsorge versteht.


Warum das nicht gegen deine Familie spricht

Ich bin echt keine Befürworterin dieses ganzen Themas, vor allem nicht, weil ich selbst in sehr narzisstischen Strukturen groß geworden bin. Ich will also vor allem nichts entschuldigen, denn ich bin der Meinung, dass Erwachsene in der Lage sein sollten, sich und ihr Verhalten zu reflektieren und das machen halt die wenigsten.


Und trotzdem finde ich es wichtig, dass wir uns auch mal die andere Seite ansehen: Diese Ratschläge wurden in er Regel (gibt natürlich immer Ausnahmen) nicht befolgt, weil Eltern damals herzlos waren. Sie wurden befolgt, weil es ihnen so gesagt wurde, weil man es so für richtig hielt und weil die Zeit eine andere war (Kriege, Hunger, Armut usw. - und das Patriarchat nicht zu vergessen). Ich glaube fest daran, dass die meisten Menschen, die das gemacht haben, sicherlich gute Eltern sein wollten.


Was es damals nicht gab oder gerade in den Anfängen: Bindungsforschung. Die Erkenntnis, dass ein Kind Nähe braucht, um sich später lösen zu können, ist erst ab den 1950er Jahren entstanden und hat Jahrzehnte gebraucht, um in Kinderzimmern anzukommen. Was wir heute über Co-Regulation wissen, über die Entwicklung des kindlichen Gehirns, über Stress in den ersten Lebensjahren, das war schlicht noch nicht bekannt. Und ja, ich bin auch Verfechterin der Annahme, dass einem allein das gesunde Menschenhirn dabei helfen könnte, aber gut...


Deine Schwiegermutter gibt also vermutlich weiter, was ihr selbst beigebracht wurde. Und ihre Mutter hat es ihr weitergegeben, weil sie es auch nicht anders kannte.


Wie gesagt, das entschuldigt nichts, aber es erklärt viel. Die wenigsten Menschen sind reflektiert genug, das zu erkennen und vor allem auch anzuerkennen, woher das kommt. Du bist ihnen (also auch deinen Eltern, Schwiegereltern, deiner Freundin mit der gleichen Denkweise usw.) also einen riesigen Schritt voraus.


Was das mit euren Nächten zu tun hat

Fast alles, was heute „Schlaftraining" heißt, stammt aus dieser Zeit. Die Idee, dass ein Baby lernen muss, alleine einzuschlafen, dass man es dabei ein Stück weinen lassen soll, dass zu viel Nähe abhängig macht und all der Bullshit.


Heute wissen wir, dass es andersherum läuft. Babys wachen nachts auf, weil ihr Schlaf anders aufgebaut ist als der von uns Erwachsenen. Das ist kein Fehler im System, das IST das System.


Ein Baby kann sich auch nicht selbst beruhigen, egal wie oft es das üben soll. Der Teil des Gehirns, der Gefühle reguliert, entwickelt sich über Jahre. Bis dahin übernimmst du das und genau dadurch lernt dein Kind es überhaupt erst. Nähe ist also kein Hindernis auf dem Weg zur Selbstständigkeit, sie ist die Voraussetzung dafür.


Und jetzt stehst du dazwischen

Du bist vermutlich die erste Generation, die all das nachlesen kann. Du hast Studien, Podcasts, Bücher, mich. Du weißt mehr über kindliche Entwicklung als jede Generation vor dir. Und trotzdem zögerst du manchmal, wenn dein Baby weint.


Das liegt daran, dass Wissen sich schneller ändert als Kultur. Die Sätze sind noch da, auch wenn die Ratgeber längst überholt sind, auch wenn wir es schon seit Jahrzehnten besser wissen. Sie stecken in den Menschen um dich herum, und ehrlicherweise auch ein bisschen in dir selbst, weil du mit ihnen aufgewachsen bist.

Du kämpfst also nachts nicht gegen dein Baby oder dich, sondern gegen hundert Jahre Erziehungsgeschichte. Und dass sich das anstrengend anfühlt, ist ziemlich verständlich.


Was dir dabei hilft

Zwei Dinge machen an dieser Stelle einen Unterschied:


Das erste ist Wissen über Babyschlaf generell und über euren konkreten Fall. Nicht noch ein allgemeiner Ratgeber, sondern Verständnis dafür, wie Babyschlaf in eurem Alter wirklich funktioniert, warum dein Baby aufwacht, was gerade normal ist, was ihr letzte Woche hattet und diese Woche nicht. Wenn du das einordnen kannst, hat die alte Stimme im Kopf viel weniger zu sagen. Sie lebt nämlich von Unsicherheit.


Das zweite ist die Arbeit an der Stimme selbst, also daran, warum fremde Sätze dich überhaupt so treffen und wie du dich innerlich abgrenzt, ohne dich zu rechtfertigen. Das ist der Teil, an dem ich mit Mamas länger arbeite, und dafür ist ein Blogartikel der falsche Ort.


Fang mit dem ersten an. Das andere kommt leichter, wenn du fachlich sicher stehst.

Schlaf gut, Baby! ist genau dafür gemacht: mein Babyschlafkurs, der dir erklärt, wie Babyschlaf wirklich funktioniert. Kurze Lektionen, die du beim Stillen anschauen kannst, ohne Schlaftraining und ohne Pläne, die an eurem Alltag vorbeigehen.




Und falls du hier gelandet bist, ohne den ersten Teil gelesen zu haben: Hier nehme ich die fünf Sätze auseinander, die du am häufigsten hörst, inklusive dem, was fachlich wirklich dran ist.


Von Herzen

Alice

 
 
 

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